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Die Blonde und der kleine Schwarze

Nitribitt

Im Mercedes-Cabrio ging die Prostituierte Rosemarie Nitribitt in der Wirtschaftswunderzeit auf Kundenfang. Ihr bis heute unaufgeklärter Tod machte nicht nur sie, sondern auch ihr Auto zum Mythos.

Ein Bild von Glamour, Noblesse und Glitter sollte er sein. Aber es war der Glanz der Halbwelt und das Faszinosum eines bis heute ungeklärten Dirnenmordes, der ihn zum Mythos machte. Die Rede ist vom Mercedes 190 SL, ein schneidiges Cabriolet, das 1955 zum ersten Mal vom Band lief und untrennbar mit einem Namen verbunden ist: Rosemarie Nitribitt, Codename «Rebecca». Ihre Geschichte gereicht zum ergreifenden Opernstoff. Eine junge Frau aus erbärmlichen Verhältnissen kommt ins Frankfurt der Nachkriegszeit und erarbeitet sich mit ihren Liebesdiensten ein kleines Wirtschaftswunder. Sie geht unter anderem in der guten Frankfurter Gesellschaft auf Kundenfang. Politiker und Industrielle höchsten Ranges gehören in ihr Beuteschema.

 

Sie arbeitet intensiv am standesgemässen Auftritt. Das Auto spielt dabei eine zentrale Rolle. Ihr Aufstieg beginnt mit einem Opel Kapitän. Aber erst der schwarze Mercedes 190 SL mit der dunkelroten Lederausstattung wird zu ihrem Markenzeichen – eine Provokation. Eineinhalb Jahre lang kurvt sie damit durch Frankfurt und gabelt Kunden auf. Dann ist sie tot. Erschlagen und erwürgt, liegt sie drei Tage lang in ihrer Wohnung, ehe sie gefunden wird. 24 Jahre alt ist sie geworden. Auto und Schlüssel und möglicherweise viel Geld sind verschwunden. Das weitere Schicksal des Nitribitt-Autos ist 1958 sogar dem «Spiegel» einen seitenfüllenden Artikel wert. Das Auto wird viele neue Besitzer sehen. Akribisch hat Norbert Schneider, der Ehrenpräsident des Mercedes-190-SL-Klubs, 2005 den Werdegang des Fahrzeugs rekonstruiert. Das Auto verlässt am 14. Mai 1956 die Fabrik, wenig später nimmt es Nitribitt in Betrieb. 17 700 Mark kostet das Gefährt. Öfters wird das Auto mutwillig zerkratzt. Die Ermittlungen zeigen, dass der Wagen nicht verschwunden ist. Er steht beim Autohändler. Nitribitt hatte bereits eine neue, noch noblere Karosse ins Auge gefasst: einen schwarzen Mercedes 300 S Coupé. Doch dazu kommt es nicht mehr. Am Tag, als man den Verkauf abwickeln will, am 1. November 1957, wird Nitribitt tot aufgefunden. Ihre Mutter verkauft daraufhin den 190 SL für 12 000 Mark. Neuer Besitzer wird ein Hamburger Reedereikaufmann, der damit einen schweren Unfall hat. Als Unfallwagen wird der 190 SL von einem Tankstellenbesitzer repariert, silbern lackiert und zum Verkauf ausgestellt. Dann verliert sich seine Spur, bis er angeblich um 1970 in einem Zeitschrifteninserat feilgeboten wird, inklusive Originalkennzeichen. Die Spur verliert sich 1975 auf einem Schrottplatz bei München. 2004 erklärt der Modeschöpfer Karl Lagerfeld in einer Talkshow, den Nitribitt-Wagen besessen zu haben und damit an einem Baum gelandet zu sein. Der weitere Verbleib des Wagens ist ungeklärt; so ungeklärt wie die Umstände um den gewaltsamen Tod seiner einstigen Besitzerin.

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